Glarus
Schiller(nde) Verse, Maga-Cap und Gedanken zum Heldentum
Vor vielen Jahren gab dieser Kulturblog seinen Einstand mit einem Beitrag von mir zu einem von Lernenden der Kanti aufgeführten Theaterstück. Wir waren ein kleines ehrenamtliches Team von Schreibenden, welche die Kultur in unserem Kanton sichtbarer machen wollten. Jetzt, wo die Glarneragenda mitsamt dem Kulturblog aufgrund von Sparmassnahmen auf dem Abstellgleis steht, möchte ich dennoch ein paar Zeilen schreiben, weil es das jüngste Theater der Kanti wiederum verdient hat.
An drei Abenden des des Wochenendes vom 21.-23. März zeigten 27 Lernende des Freifachs Theater der 2.- bis 6. Kanti einen packend und eigenwillig inszenierten «Wilhelm Tell». Was sagt das vielerorts als Schulstoff bekannte Drama Friedrich Schillers nicht nur über den Nationalmythos der Schweiz, sondern überhaupt über die menschliche Gesellschaft? Wann wird ein Individuum zum politischen Akteur, wann zur Heldin? Dies wird mit einigen zwischen die eigentliche Handlung eingeschobenen Szenen kommentiert und in die Gegenwart gespiegelt. So werden etwa althergebrachte HeldInnen-Klischees wie der «opferbereiten Frau» oder des einsamen Kämpfers für Gerechtigkeit hinterfragt. Der Tyrannen-Hut des Vogtes Gessler, vor dem die Eidgenossen nicht länger die Knie beugen wollen, seilt sich wie eine Spinne als optische Anspielung auf eine rote Maga-Cap ab und hängt dort im Raum. Einspieler mit Radiostimmen von SRF, Interviews mit Zeitgenossen Tells, fangen (hypothetische) Stimmungsbilder von damals ein. Damit wird das Stück sehr gegenwärtig. Und schliesslich bringen die geknechteten Untertanen die riesige Kartonwand, welche sie selber als Stadtmauer und als Symbol der eigenen Unfreiheit aufbauten, zum Einsturz: ein Zeichen dafür, was die Trotzmacht von Mut und eigenem Denken bewirken kann. Ein grosses Bravo verdienen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler, welche sich das 220 -jährige Werk mit seiner sperrigen Sprache und seinen geschichtlichen Hintergrund in einer engagierten Auseinandersetzung zu eigen machten, ebenso wie jener der Regie (Christoph Zürrer, Simon Gisler sowie deren junge RegieassistentInnen) und der musikalischen Gestaltung durch Mi-Helen Müller-Trautmann und die dabei Mitwirkenden.
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Kulturblogger Glarus
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